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KMU und die Digitalisierung: Vielfach besser als gedacht

Der deutsche Mittelstand und die Digitalisierung seien nicht eben die besten Freunde – lautet zumindest die von vielen vertretene Ansicht. Tatsächlich jedoch ist die Realität mittlerweile deutlich differenzierter und KMU sind längst nicht mehr in jedem Feld digitale Sorgenkinder.

KMU und die Digitalisierung

Wenn vom „digitalen Entwicklungsland“ Deutschland die Rede ist, finden sich meist zwei Stoßrichtungen: Politik und Wirtschaft, letztere in der Regel repräsentiert durch die wichtigsten Vertreter in Anzahl und Leistung, die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), der Mittelstand. Ihnen wurde und wird vielfach attestiert, sich besonders schwerzutun bei der digitalen Transformation. Wo die Deutsche Bank unlängst den Start eines digitalen Versicherungsmanagers meldete,  wo vor allem die Großindustrie selbst vom Branchenverband Bitkom jüngst Lob für ihr Standing bekam, glauben viele, dass KMU sich sogar schwer damit täten, überhaupt zu definieren, wie sich Digitalisierung für sie eigentlich ausdrückt – vom Applizieren solcher Maßnahmen ganz zu schweigen.

Fest steht jedoch: Derlei Universalkritik ist heute völlig unangebracht und falsch. Der Mittelstand hat aufgeholt, hat Wandlungen durchlebt und sich durchaus erfolgreich digital aufgestellt. Die aktuelle Bestandsaufnahme ist deshalb deutlich heterogener.

KMU
Entgegen vieler Klischees sind deutsche KMU längst keine Digitalisierungswüste mehr. Dafür haben sich allerdings auch neue Probleme aufgetan. Foto: stock.adobe.com © Kzenon

Akzeptanz ist stark gestiegen

„Welchen Nutzen bringt die Digitalisierung mir und meinem Unternehmen?“. Noch vor wenigen Jahren wurden derartige Fragen von vielen KMU-Firmenbesitzern und -Entscheidern ausnehmend häufig gestellt. Es mangelte schlicht an der Erkenntnis, welche Vorteile der digitale Wandel bringt. Dieser Erkenntnismangel ließ vielfach Ablehnung entstehen. Neuere Betrachtungen zeigen indes, wie stark sich diese Ablehnung gewandelt hat:

„Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten in den untersuchten Unternehmen scheint […] eine „duldende, indifferente Bewertung“ der teilweise schon umgesetzten, teilweise noch anstehenden Industrie 4.0-Rationalisierungsmaßnahmen vorzunehmen. Die Bewertung wird tendenziell positiver, je weiter der betriebliche Implementierungsprozess vorangeschritten ist“

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus dem Jahr 2019, die sich schwerpunktmäßig mit Industrie befasst. Arbeiten über andere Sparten liefern jedoch ähnliche Ergebnisse. Tenor: Der Nutzen wurde breit erkannt, Ablehnung wird immer seltener. Die Hauptgründe dafür sind einerseits erfolgreiche Aufklärungsarbeit, andererseits praktische Erkenntnis im eigenen Betrieb.

Für letzteres können vor allem zwei maßgebliche Techniken Erfolg verbuchen: Erstens digitale Zwillinge, durch die komplexe Prozesse sowohl digital wie physisch verknüpft werden können. Zweitens Retrofitting, die Aufwertung bestehender Anlagen mit Digitaltechnik, wodurch diese auch in einer digitalisierten Arbeitsumgebung weitergenutzt werden können – mit entsprechend reduzierten Kosten und Umschulungsaufwand.

Die praktische Erkenntnis innerhalb vieler KMU: Digitalisierung kann unternehmerische Risiken minimieren und Kosten senken, während sie die Produktivität erhöht und die Arbeit erleichtert. Dadurch wurden viele Bedenken beseitigt, was der Akzeptanz zugutekam und mit steigender Digitalisierung immer mehr zugutekommt.

Digitalkompetenz wird verstärkt zum Mangel

Digitalisierung
Viele KMU haben gelernt, dass ihre Ablehnung primär nur aus Unkenntnis der digitalen Möglichkeiten und Vorteile resultierte. Foto: stock.adobe.com © Syda Productions

Digitalisierung ohne Menschen funktioniert nicht. Sie sind es letztendlich, die nicht nur Entwicklungen tätigen müssen, sondern auch in der Verantwortung stehen, Digitalisierung überhaupt umzusetzen und anzuwenden. Hierbei zeigt ein zunehmend wachsendes Problem den Nachholbedarf in Sachen Bildung und Fachkräfte überdeutlich: personelle Digitalkompetenzen. Wo die Erkenntnis längst durchgedrungen ist und Techniken appliziert wurden, mangelt es nunmehr vor allem beim ausführenden Personal häufig an grundlegenden Fähigkeiten:

„Circa 80 Prozent der KMU haben großen Bedarf an digitalen Grundkompetenzen wie z. B. der Bedienung von Standardsoftware und digitalen Endgeräten.“ – so formulierte es die KfW in einer Studie Anfang 2020. Tenor: die hiesigen Arbeitskräfte sind vielfach nicht hinreichend routiniert im Umgang mit Digitaltechnik aller Ebenen. Allerdings handelt es sich auch hierbei um ein selbstlösendes Problem.

Mittelfristig bereits deshalb, weil immer mehr Jahrgänge der Generation Z auf den Arbeitsmarkt strömen (Geburtsjahrgänge ca. 1997 bis 2012). Bei diesen jungen Menschen sind die angemahnten nativen Digitalfähigkeiten breit vorhanden. Auch kurzfristig bieten sich Lösungen: Die Weiterbildungsmöglichkeiten für digitale Fähigkeiten des Inhouse-Personals sind umfangreich. Außerdem bieten sich diverse konkret auf KMU ausgerichtete Optionen zum Outsourcing.

Hemmnisse entstehen oft durch mangelndes Anpassungsverhalten Dritter

Ein von Beginn an deutliches Problem bei der Digitalisierung von KMU war die in vielen Sparten zwingend notwendige Vernetzung mit Unternehmen jenseits des eigenen Betriebs. Vielfach verhinderte deren mangelnde Umstellung, dass Firmen bei sich eigentlich gewünschte Maßnahmen ergreifen konnten. Diese hätten das miteinander vernetzte Handeln erschwert oder aufgrund der notwendigen betriebsübergreifenden Nutzung im alleine applizierenden Unternehmen nichts gebracht. Grundsätzlich hat sich dieser Faktor merklich abgeschwächt. Hier zeigt sich, dass die Digitalisierung breiten Einzug gehalten hat.

Dafür entstand jedoch ein neuer Kritikpunkt: Multioptionalität in Verbindung mit mangelnder Kompatibilität. Nur wenige digitale Lösungen sind einzigartig. Für vieles halten die Märkte mehrere Alternativen bereit. Das Problem entsteht daraus, dass solche Werkzeuge oft eine eingeschränkte Kompatibilität zwischen den Herstellern aufweisen. Dadurch müssen mehrere, aufeinander angewiesene Betriebe umfangreiche Abstimmungsarbeiten durchführen, bevor sie sich für eine gemeinsame oder zumindest kompatible Lösung entscheiden können. Selbst, wenn dieser Prozess erfolgreich ist, ist allein der damit verbundene Aufwand ein unnötiges Hemmnis.

Sicherheit hat sich verbessert, bleibt aber kritisch

Noch vor einigen Jahren waren KMU hierzulande ein nachrangiges Ziel für Cyberattacken. Der Grund lag darin, dass der Digitalisierungsgrad so gering war, dass viele damals übliche Einfallstore verschlossen blieben. Angreifer fokussierten sich deshalb vornehmlich auf Großunternehmen. Im Laufe der Zeit besserten diese im Bereich der IT-Sicherheit nach, so dass sich für Cyberkriminelle inzwischen weniger Angriffsvektoren bieten. Parallel nahm der digitale Wandel im Mittelstand an Fahrt auf, wodurch sich neue Ziele auftaten. Infolgedessen stiegen die Attacken auf kleine und mittelständische Unternehmen, was auch auf Seiten der KMU ein neues Sicherheitsverständnis notwendig machte.

„Lag in 2018 der Fokus der Angriffe auf Wirtschaftsunternehmen vor allem auf kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), setzten Cyberkriminelle im Jahr 2019 vermehrt auf das sog. „Big Game Hunting“, d.h. zielgerichtete Angriffe auf große Unternehmen und Institutionen.“ so schreibt das Bundeskriminalamt in seinem aktuellen „Lagebild Cybercrime“. Entwarnung für KMU bedeutet dies jedoch keinesfalls. Denn die  Vorgehensweisen und Schwerpunkte der Kriminellen wandeln sich ständig. Zudem müssen sich die Sicherheitsbemühungen der Unternehmen laufend anpassen und aktualisieren. Hier mangelt es leider bei vielen Entscheidern noch an der Erkenntnis, dass Cybersicherheit mit der Digitalisierung für sie zu einer dauerhaften Aufgabe wird.

Digitalisierung auf einem guten Weg

Somit lässt sich insgesamt sagen, dass der deutsche Mittelstand in Sachen Digitalisierung häufig besser aufgestellt ist, als es viele Kritiker behaupten. Viele KMU haben in diesem Bereich deutlich aufgeholt und blicken optimistisch in eine digitale Zukunft. Dennoch gibt es in vielen Bereichen weiterhin Nachholbedarf und Verbesserungspotential. Denn die Digitalisierung öffnet nicht nur Potentiale, sondern bringt auch neue Gefahren mit sich, auf die Unternehmen entsprechend reagieren müssen.

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